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ERP-Auswahl im Mittelstand: die 8-Schritte-Checkliste

Die Wahl eines ERP-Systems ist eine Entscheidung für die nächsten zehn Jahre — und einer der teuersten Fehlgriffe, wenn sie schiefgeht. Nach unserer Erfahrung scheitert eine gute Auswahl selten an der Technik, sondern an einem unklaren Prozess: Man startet bei der Software statt bei den eigenen Anforderungen. Die folgende Checkliste dreht die Reihenfolge um.

Vorab: drei Voraussetzungen, die über den Erfolg entscheiden

Bevor der erste methodische Schritt beginnt, muss das Unternehmen selbst bereit sein. Diese drei Punkte werden am häufigsten übersprungen — und rächen sich später am deutlichsten.

Das ganze Unternehmen braucht Zeit dafür

Ein ERP-Projekt läuft nicht nebenbei. Mitarbeitende, Fachbereiche und ausdrücklich auch die Geschäftsleitung müssen echte Zeit dafür einplanen — für Workshops, Entscheidungen, Tests und Schulung. Wer glaubt, die Projektarbeit „nebenbei" leisten zu können, wird enttäuscht werden. Daran kann dann auch die beste Projektleitung nichts ändern. Zeit für die Projektarbeit ist also kein Nice-to-have, sondern die Grundvoraussetzung für den Projekterfolg.

Klären Sie, wer für den Erfolg verantwortlich ist — der Auftraggeber

Verantwortlich für den Projekterfolg ist nicht der Projektleiter und sind auch nicht die Key-User, sondern der Auftraggeber — in der Regel ein Mitglied der Geschäftsleitung. Nur er schafft den grundsätzlichen Rahmen und kann über Prioritäten entscheiden. Warum das so wichtig ist, zeigt der Blick auf die Beteiligten: Dem Projektleiter erscheint sein Projekt immer als das wichtigste. Die IT betreut viele konkurrierende Projekte und Produkte, die alle gleich dringend aussehen. Und für die Mitarbeitenden ist verständlicherweise das Tagesgeschäft mit den jeweiligen Kundenbedürfnissen am wichtigsten. Wer stellt in diesem Interessenkonflikt die Weichen? Nur die Ebene, die über allem steht. Daher starten wir jedes Projekt genau mit dieser Klärung und dem Zeichnen eines Projekt-Organigramms.

LENKUNGSKREIS Benutzervertreter Auftraggeber Lieferantenvertreter Projektleitung Logistik Key-User FiBu Key-User Produktion Key-User Vertrieb Key-User Informationen & Liefergegenstände Entscheidungen & Budget
Beispielhaftes Projekt-Organigramm: Der Lenkungskreis mit Auftraggeber sowie Benutzer- und Lieferantenvertretung steuert die Projektleitung; darunter arbeiten die Key-User der Fachabteilungen. Informationen und Liefergegenstände fließen nach oben, Entscheidungen und Budget nach unten.

Prüfen Sie die organisatorische Reife

Wie gut arbeitet das Team tatsächlich zusammen? Sind die Rollen klar? Funktioniert die Zusammenarbeit auch technologisch? Gibt es Grabenkämpfe zwischen Abteilungen, die einer effektiven Projektarbeit im Weg stehen? Ein ERP-Projekt legt bestehende organisatorische Schwächen gnadenlos offen. Wer sie vorher kennt und adressiert, verhindert, dass sie das Projekt ausbremsen. Sollten wir den Bedarf erkennen, stellen wir dem ERP-Team einen zusätzlichen Consultant für Organisationsentwicklung zur Seite.

1. Zieldefinition: Warum überhaupt ein neues ERP?

Bevor Sie Anbieter ansehen, klären Sie den Auslöser. Ablösung eines Altsystems ohne Support? Das nahende End of Life des aktuellen Systems? Wachstum, das die Prozesse sprengt? Medienbrüche zwischen Insellösungen? Formulieren Sie zwei bis drei messbare Ziele — etwa „durchgängiger Auftragsprozess ohne manuelle Doppelerfassung". Diese Ziele sind später Ihr Maßstab bei jeder Abwägung.

2. Ist-Prozesse aufnehmen

Erfassen Sie, wie in den Fachbereichen wirklich gearbeitet wird, nicht wie es im Handbuch steht. Genau hier verstecken sich die Sonderfälle, an denen Standardsoftware später scheitert. Trennen Sie dabei sauber: Was ist echter Wettbewerbsvorteil (den das System abbilden muss) und was ist nur „haben wir immer so gemacht" (das man beim Umstieg vereinfachen sollte)?

Starten Sie mit den Überschriften bzw. den Prozessnamen und arbeiten Sie jeden Prozess dann konkret aus. Dabei muss keine Swimlane-Darstellung im Sinne von BPMN entstehen — eine einfache Excel-Liste reicht. Diese nutzen wir später für ein strukturiertes Testen: So wird nicht nur deutlich, dass der Prozess jeder Person klar ist, sondern auch, ob das Wissen der Mitarbeitenden ausreicht, um den Prozess im neuen System abzubilden.

3. Anforderungen sammeln und priorisieren

Bündeln Sie die Anforderungen aus allen Bereichen und priorisieren Sie konsequent, zum Beispiel nach MoSCoW (Must / Should / Could / Won’t). Ohne Priorisierung wirkt am Ende jede Anforderung gleich wichtig — und Sie vergleichen Anbieter anhand von Nebensächlichkeiten. Die „Must"-Kriterien sind Ihre K.-o.-Liste.

4. Markt sondieren und Longlist erstellen

Erst jetzt schauen Sie auf Systeme. Erstellen Sie eine Longlist von etwa acht bis zwölf Kandidaten — branchenübliche Standardsysteme, aber auch spezialisierte Lösungen. Achten Sie neben Funktionen auf Faktoren, die man leicht übersieht: Marktstärke des Anbieters, Verfügbarkeit von Implementierungspartnern, Roadmap und Cloud-Fähigkeit.

5. Lastenheft schreiben und ausschreiben

Fassen Sie Ziele, Prozesse und priorisierte Anforderungen in einem Lastenheft zusammen. Es ist die Grundlage, um Angebote überhaupt vergleichbar zu machen. Wie ein gutes Lastenheft aufgebaut ist, lesen Sie hier. Aus der Longlist wird über die Antworten eine Shortlist von zwei bis drei Anbietern.

6. Anbieter anhand echter Szenarien testen

Lassen Sie sich keine Standard-Demo zeigen, sondern geben Sie den Anbietern Ihre eigenen Fälle vor — inklusive der unbequemen Sonderfälle aus Schritt 2. Nur so sehen Sie, was der Standard wirklich kann und wo teure Anpassungen nötig würden. Laden Sie die späteren Anwender zu diesen Terminen ein; sie erkennen Schwächen, die im Vertrieb untergehen.

7. Gesamtkosten (TCO) statt Lizenzpreis vergleichen

Der Lizenzpreis ist selten der größte Posten. Rechnen Sie die Gesamtkosten über mehrere Jahre: Einführung und Beratung, Anpassungen und Schnittstellen, Datenmigration, Schulung, Wartung und interne Aufwände. Ein günstiges System mit hohem Anpassungsbedarf ist am Ende oft teurer als ein passenderes. Gerade bei cloudbasierten Standardsystemen wie z. B. MS Business Central unterliegt das System immer schneller werdenden Updates. Jede Sonderentwicklung, die ein Implementierungspartner eingebracht hat, muss bei jedem Update geprüft und gegebenenfalls angepasst werden — ein laufender Kostenfaktor, der in die Rechnung gehört.

8. Entscheidung mit Nutzwertanalyse absichern

Bewerten Sie die Shortlist über eine gewichtete Nutzwertanalyse: Kriterien aus Ihren Zielen, gewichtet nach Priorität, pro Anbieter bewertet. Das macht die Entscheidung nachvollziehbar und nimmt Bauchgefühl und Anbieter-Sympathie den Ausschlag. Dokumentieren Sie die Begründung — sie hilft später auch intern, die Wahl zu tragen.

Fazit

Eine gute ERP-Auswahl ist Fleißarbeit, kein Glücksspiel. Wer bei den eigenen Zielen und Prozessen beginnt, statt bei der Software, trifft eine Entscheidung, die auch in fünf Jahren noch trägt. Der häufigste Fehler ist, diesen Vorlauf zu überspringen — und ihn später im Projekt teuer nachzuholen.

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